Bettler – Bedürftig, oder gerissen

Ich gehe häufig mit meinen Kindern durch die Fußgängerzone um dort einzukaufen. Neben allerhand Straßenmusikanten und natürlich vielen anderen Passanten, trifft man dort auch auf Bettler. Mitleiderregend kauern sie auf der Straße, zeigen ganz deutlich Verstümmelungen, oder verharren einfach in einer demütige Pose. Ich bin dazu jedesmal in einem Dilemma. Zahlen, oder ignorieren?

kindliche Diskussionen

Oft ist der Zustand und das Verhalten der Bettler Ursache für eine Diskussion mit meinen Kinder. „Mama, was hat der Mann?“, oder „Was macht der da?“ werde ich dann gefragt. Aber was sagt man dem Kind in so einer Situation? Dass es sich um einen armen Menschen handelt, der kein Geld hat um etwas zu essen, oder doch, dass das ein, in mafiösen Strukturen organisierter Schnorrer ist, der wahrscheinlich reicher ist, als wir? Die Entscheidung ist nicht leicht. Auf der einene Seite möchte man den Kindern natürlich Zivilcourage beibringen. Braucht jemand Hilfe, sollte man das nicht einfach ignorieren. Auf der anderen Seite kann man die Reportagen über organisierte Bettlerbanden gut nachvollziehen. Die Einzelpersonen erscheinen, sind ein paar Tage sehr präsent und werden dann durch eine andere Person ergänzt. Dabei gibt es verschiedenste Maschen. Manche fallen kniend und den Blick zum Boden gerichtet, kaum auf. Eine demütige und erniedrigende Position, die nur durch das Hineinversetzen in den Menschen schon ein schlechtes Gewissen macht. Andere sind offensiv und überfallen vor dem Supermarkt mit lautem „Bitteeee, Biteeee“.

Erziehungsauftrag

Das Verhältnis zwischen einem Bettler und mir, einem Kind zu erklären ist eine Herausforderung. Die Kinder wissen, dass ich Geld in meinem Portemonnaie habe und sie erfahren auf Nachfrage, dass der Bettler Geld braucht. Oft gibt es auch Bilder von Kindern, oder kleine Schilder mit einer kurzen Darstellung der Situation. In den meisten Fällen gebe ich nichts. Ich muss zu Hause 6 hungrige Mäuler stopfen und auch wenn es uns wirklich nicht schlecht geht, schwimmen wir nicht im Geld. Auch wenn die Euromünze mir nicht weh tut, so summiert sich das. Außerdem, wie soll ich den Bettler, dem ich Geld gebe, auswählen? Einen demütig Knienden, der mich vielleicht nur psychologisch austrickst und mit seiner Körpersprache geschickt an mein Überlegenheitsgefühl appelliert, oder eine offensive Bettlerin, die auf mich zugeht und offen anbettelt? Nein, in den meisten Fällen werden sie einfach ignoriert. Man geht an ihnen vorbei und bemüht sich, ihnen nicht in die Augen zu sehen. Aber ist es das, was ich meinen Kindern beibringen möchte? Wegschauen?

Bettler in den Medien

Man hört so viel und in den Medien wird das Thema immer wieder einmal aufgerollt. Mit versteckter Kamera wird das Verhalten, die Ablöse und das gemeinsame An- und Abreisen der Bettler dokumentiert. Journalistisch wird hinter den Kulissen ermittelt und recherchiert und die Personen bis nach Rumänien, Bulgarien und sonstwohin verfolgt. Gut, also kann man wohl davon ausgehen, dass solche Bettler organisiert sind, oder werden. Aber heißt das, dass sie nicht bedürftig sind? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich betteln würde. Alleine der Umsatz würde niemals auch nur annähernd meine Familie ernähren. Abgesehen davon stehen mir eine Fülle von aussichtsreicheren Alternativen zur Verfügung, wenn ich einmal in Not geraten würde. Warum also sollte sich jemand ein paar Stunden auf einem dreckigen Stück Karton auf die Straße setzen und zusehen, wie die Passanten ihn ignorieren?

Zeitungsverkäufer

Eine andere Gruppe von Bettlern, oder eben nicht Bettlern, sind die Zeitungsverkäufer. In den meisten Städten gibt es eine Obdachlosenzeitung, die den Verkäufern ein kleines Einkommen ermöglicht. Man bekommt wenigstens etwas für sein Geld. Diese Variante finde ich aus zwei Gründen besser, als das bloße Warten auf eine milde Gabe. Erstens wird hier tatsächlich erfolgsbasiert abgerechnet. Die Verkäufer müssen eine Methode finden, möglichst viele Zeitungen zu verkaufen. Dazu gibt es wirklich charmante und witzige Verkäufer, die auf eine freundliche Art und Weise offensiv mitten auf der Fußgängerzone stehen und mit ausgebreiteten Armen und einem Lächeln ihre Zeitungen anbieten. Dabei fühle ich mich viel besser. Will ich die Zeitung nicht, oder habe ich sie vielleicht schon, hat der Verkäufer doch meine Stimmung gehoben.

Nicht bestellte Dienstleistung

Allerdings gibt es hier auch wieder Methoden, die an unser schlechtes Gewissen appellieren. Neben den Einkäufswägen beim Discounter steht auch häufig ein freundlich unaufdringlicher Mann. Kommt man näher, rollte er einem bereits den Einkaufswagen entgegen und grüßt freundlich. Nach dem Einkauf bietet er seine Zeitung an. Grundsätzlich eine gute Strategie. Viele Leute haben nach dem Zurückbringen des Einkaufswagens eine Münze in der Hand und wären in der Lage eine Zeitung zu bezahlen. Auch wenn der Zeitungsverkäufer hilfsbereit ist, habe ich ihn um die Bereitstellung des Einkaufswagens nicht gebeten. Oft sieht man in Amerikanischen Filmen Bettler, die an Kreuzungen die Winschutzscheiben waschen. So ähnlich ist die Situation beim Einkaufswagen. Die drei Schritte zum Einkaufswagen hätte ich sicher geschafft und den Einkaufswagen auch ohne seine Hilfe bekommen.

Wachsam sein – Selbst entscheiden

Was man seinen Kindern, im Umgang mit Bettlern beibringen kann, ist Selbstbestimmung. Man selbst kann entscheiden was man tut. Manchmal gebe ich einem Bettler eine Kleinigkeit, manchmal auch ein bisschen mehr und oft kaufe ich eine Obdachlosenzeitung. Aber daraus kann nie eine Verpflichtung entstehen. Bedürftigen zu helfen ist ein Wert, den ich meinen Kindern mitgeben möchte. Genauso möchte ich aber, dass sie über ihr Handeln selbst entscheiden und auch einmal Nein sagen können. Wir tragen keine Schuld an der Situation der Bettler und es fehlt uns auch an den Mitteln, die Situation zu verändern. Das muss den Kindern klar sein. Großzügig sein, wenn man es für richtig hält, sich aber nicht verpflichtet fühlen, jedem zu helfen. Das Erkennen, wer wirklich bedürftig und verzweifelt ist und wer einem harten Business nachgeht ist nicht leicht. Trotzdem sollte es in unserem Ermessen liegen und das versuche ich meinen Kindern beizubringen.

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