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Die Gesichter der Nonnen

Ich lebe hier in Wien in unmittelbarer Nähe des neuen Hauptbahnhofs. Eines schöner neuer Stadtteil, der zwar noch von Baustellen geprägt ist, aber schon jetzt genug Charme hat um sich wohl zu fühlen. Oft führen mich meine Wege durch den Bahnhof und da beobachte ich gerne mal die Gesichter der Menschen, die mir entgegen kommen.

über den Bahnhof

Es gibt ziemlich viele interessante Ziele, die auf der anderen Seite des Bahnhofs liegen. So führen mich meine Wege immer wieder auch durch die Halle am Bahnhof. Außerdem ist dort ein kleines Einkaufszentrum und je nachdem, was man gerade braucht, macht es auch Sinn am Bahnhof zu shoppen. Außer als Abkürzung, oder als Einkaufszentrum dient und der Hauptbahnhof auch als Junkfood-tempel. Was das Herz begehrt, man bekommt es am Bahnhof. Ich bin also immer wieder dort. Als eine der wenigen verreise ich nicht und ich komme nicht an. Ich schlendere einfach über den Bahnhof.

Augenblick

Wenn ich so, verhältnismäßig entspannt durch den Bahnhof schlendere und es kommt gerade ein Zug an, dann strömen von einem der Bahnsteige plötzlich jede Menge Menschen herunter. Sie hetzen, mühen sich mit ihrem Gepäck, schauen ratlos durch die Gegend, oder trotten Richtung Ausgang. Sieht man den Menschen in ihre Gesichter, dann schnell klar, dass sie es eilig haben. Termine, Hotel-Check-In, was auch immer wartet schon und nachdem sie die Zugreise absolviert haben, gilt es die nächste Herausforderung zu meistern und pünktlich zu sein.

gegen den Strom

Eigentlich kann man in jedes beliebige Gesicht sehen und wird immer ungefähr dasselbe sehen. Niemand ist entspannt, geschweide denn zufrieden. Sogar offensichtliche Urlauber sind verbissen, angespannt und stehen unter Druck. Und dann ist mir vor ein paar Tagen etwas passiert, was mich nicht mehr loslässt und was ich deswegen, auch wenn es so überhaupt nichts mit meinem Kinderalltag zu tun hat, bloggen möchte. Dabei ist „passiert“ ein etwas großes Wort für das ich erlebt habe. Ich schiebe meinen Kinderwagen wieder einmal in Richtung Hauptbahnhof. Die verspiegelte Schiebetür versperrt solange die Sicht bis sie sich öffnet und dahinter kommen mir zwei kleine ältere Damen in Nonnentracht entgegen.

Zwei Nonnen

Das allein ist noch nicht wirklich spannend. Natürlich kommen auch jede Menge Geistliche nahezu aller Religionen am Bahnhof an, in dem Fall waren es aber zwei katholische Nonnen. Die beiden haben mich nicht wahrgenommen, aber ich habe, so wie ich es immer tue, ihre Gesichter genau gemustert. Seitdem denke ich darüber nach. Da war kein Stress, kein Termin, keine Sorge. Da war nicht einmal Tatendrang, oder Entschlossenheit. Schließlich müssten die beiden ja noch eine kleine Reise durch Wien vor sich gehabt haben, waren also sicher noch lange nicht am Ziel. Trotzdem hatten sie einfach zufriedene Gesichter.

Einfach zufrieden sein

Die beiden Nonnen hatten einen Gesichtsausdruck, den ich bei Nonnen schon oft beobachtet habe. Ein freundliches offenes Gesicht und ein leichtes Lächeln. Nicht das Lächeln, das man aus den Hochglanzmagazinen kennt, wo Schönheitchirurgen es übertrieben haben und auch kein solches Lächeln, das man von manchen betont glücklichen Menschen kennt, die braungebrannt ihre strahlend weißen Zähne blitzen lassen und außer zu lächeln auch noch viel lachen. Man könnte es vielleicht als gütig beschreiben, auf jeden Fall aber unaufdringlich, natürlich, ehrlich.

Denkspirale

Die kurze Begegnung mit den beiden hat bei mir Denkvorgänge angestoßen, die noch immer laufen. Ich stelle mir vor, wie die beiden irgendwo in den Zug eingestiegen sind. Wunderbare Sitznachbarinnen, mit denen man sicher sprichwörtlich über Gott und die Welt plaudern, aber sicher auch 10 Stunden schweigen kann. Sicher waren die beiden schon beim Einsteigen so ausgeglichen und sie haben wohl auch jede Verspätung ohne mit der Wimper zu zucken hingenommen. Ungewöhnlich.

Geht das?

Abgesehen davon, wie man Nonnen gegenüber steht, so glaube ich, dass die beiden und noch etliche andere Nonnen, das Leben so leben, wie es gedacht war. Nicht dass man jetzt ins Kloster gehen muss, aber einfach mal im Hier und Jetzt sein und nicht immer schon 6 Schritte mit den Gedanken voraus. Den Moment, den Augenblick genießen und nichts tun, was man vielleicht einmal bereut. Wir können das nicht und da nehme ich mich nicht aus.

Jetzt

Jetzt schreibe ich gerade an diesem Beitrag. Wenn ihr wüsstet, was ich danach schon alles geplant habe und wohin zumindest 30-40% meiner Gedanken immer wieder abdriften. Ich bin nicht zu 100% bei der Sache und ich unterstelle jetzt, dass das niemand ist. Niemand hat heute die Zeit, sich auf jetzt zu konzentrieren. Jetzt ist erledigt, auf zum nächsten Punkt. Eine Reise ist nur ein Mittel dazu, irgendwo hinzukommen. Dort macht man dann etwas, damit man rasch wieder heimkommt. Die Reise als Reise wahrzunehmen und zu genießen können wir nicht. Wir sind gedanklich schon am Ziel, statt die Aussicht zu genießen.

Entschleunigung

Gut, jetzt nehme ich doch noch die Kurve zu meinem Mamablog: Als Hausfrau und Mutter bin ich im Grunde mein eigener Chef. Ich gebe den Ton an, ich entscheide was passiert und kann mir meine Zeit frei einteilen. Trotzdem ist mein Alltag geprägt von Terminen. Das mag vielbeschäftigten Managern mit vollen Terminkalendern lächerlich vorkommen, aber Kindergeburtstage, Laternenfest, Karneval & Co. können Stress bedeuten. Ein wenig Entschleunigung würde mir auch viel bringen.

Mama 2.0

Als Mutter bewegt man sich oft von einem Ort zum anderen. Dabei wird die Kinderschar angetrieben und mit aufmunternden Worten dazu überredet, mitzugehen. Solche Truppenbewegungen, bei denen die Truppen nur widerwillig mitmachen sind anstrengend. Dabei sind viele davon einfach unnötig. Gehen wir in den Zoo, dann habe ich eine Runde im Kopf. Mähnenrobbenfütterung, Eisbären und Elefanten usw. stehen auf der virtuellen Liste. Dabei haben wir eine Jahreskarte im Zoo und kennen alles mehr, oder weniger auswendig. Ob wir die ganze Runde schaffen, oder nur Steine im Umkreis von 20m rund um den Eingang aufheben ist im Grunde völlig egal.

Das Wesentliche

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen. Für wen veranstaltet man denn so einen Ausflug, wenn nicht für die Kinder. Warum also nach meinem Plan durch die Lande ziehen. Mit Kindern muss nicht immer alles so ablaufen, wie wir das gerne hätten. So wie sie beim Spielen nicht immer alles so verwenden, wie es gedacht war, muss es auch nicht immer eine Runde sein, die man mit ihnen geht. Statt sie verbissen zu motivieren, damit man sein Ziel erreicht, könnte man ja auch mal die Kinder die Richtung bestimmen lassen. Dann läuft man eben nicht ganz so weit, aber dafür in völliger Ausgeglichenheit.

Das geht nicht?

Das Problem in unserem Alltag sind all die Termine, die man uns vorschreibt. Da kommt mal einer vom Wasserwerk und möchte etwas ablesen, die Kinder sind zu einer Party eingeladen, man hat einen Arzttermin und noch vieles anderes, was ein in den Tag Hineinleben unmöglich macht. Trotzdem bin ich neidisch auf diesen Gesichtsausdruck. Nicht zuletzt deswegen, weil ich weiß, dass ich deutlich mehr Sorgenfalten im Gesicht habe, wenn man mich genau ansieht. Auch mir sieht man sicher an, dass ich jede Menge Termine habe und für den aktuellen Augenblick gerade einfach keine Zeit mehr übrig ist.

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