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Mein Sohn der Schnorrer

Mein momentaner Tagesablauf sieht vor, dass ich nach den Hausaufgaben meiner Ältesten die beiden Kleinen aus der Kita hole. Danach halten wir uns noch eine Weile direkt neben der Kita auf und treffen Freundinnen und Freunde. Ich kenne die meisten Mütter in der Runde und auch meine Kinder haben guten Kontakt zu allen. Ein netter Nachmittag mit Spielen und Plaudern. Was mich selbst aber etwas stört ist, dass mein Sohn ein richtiger Schnorrer ist.

Pawlowsches Kind

Ivan Petrovič Pavlov hat sich mit der Konditionierung von Hunden auseinandergesetzt. Er hat ihnen beigebracht, dass es immer dann etwas zu Fressen gab, wenn er eine Glocke läutete. Der Effekt war, dass die sogenannten Pawlowschen Hunde begannen zu sabbern, wenn er die Glocke geläutet hat. Ganz ähnlich ist das bei meinem Sohn. Man braucht keine Glocke, aber wenn man beispielsweise eine Packung Chips, oder eine Jausenbox öffnet, dann reagiert er darauf. Er sabbert zwar nicht, aber er stellt sich mit interessiertem Blick gefühlte 3 Zentimeter vor den Besitzer des Snacks und beobachtet, was passiert. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hund kann man ihm dabei nicht absprechen. Das Betteln der Hunde läuft relativ gleich ab. Ein Hundeblick und das Abwarten direkt vor der Person, die das Objekt der Begierde hat.

Erfolgreicher Schnorrer

Erstaunlich ist, dass der Kleine als Schnorrer durchaus erfolgreich ist. Kaum jemand kann seinem Blick widerstehen und über kurz, oder lang bekommt er etwas angeboten, das er gerne annimmt und stolz präsentiert. Problematisch ist, dass er damit meine Ernährungsgrundsätze unterwandert. Natürlich werde ich oft gefragt, ob man ihm etwas abgeben darf, aber meistens sage ich auch dann ja, wenn ich denke, dass er schon genug genascht hat. Er erarbeitet sich damit einen kleinen Vorsprung vor seinen Schwestern. In punkto Naschen hat er so meistens die Nase vorn.

Zu viel des Guten

Ja, eigentlich kann man ihm keinen Vorwurf machen. Er sieht etwas, das ihm gefällt und weiß, dass er meist etwas davon haben kann, wenn er fragt, oder es mit seine Körpersprache zum Ausdruck bringt. Bei Freundinnnen, die ihre Kinder versorgen, ist das durchaus zu tolerieren. Einerseits kennen sie ihn und andererseits geben sie ihren Kindern auch nichts, was ihm unmittelbar schadet. Allerdings legt er dasselbe Verhalten auch bei Wildfremden an den Tag. Das ist manchmal schon richtig peinlich.

Magisch

Tatsächlich wird er von allem, was umsorgende Väter und Mütter ihren Kindern an Kleinigkeiten anbieten, magisch angezogen. Kaum setzt sich ein braver Vater im Zoo mit seinem Kind auf eine Parkbank und überreicht ihm einen Müsliriegl, oder ein belegtes Brötchen, steht mein Sohn schon davor und setzt seinen Hundeblick auf. Sogar im Gehen ortet er Kinder, die etwas Feines von ihren Eltern bekommen und schließt sich dem fremden Grüppchen, in er Hoffnung etwas abzubekommen, an. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn er Apfelspalten, oder meinetwegen zwei Kartoffelchips schnorrt, aber nicht jeder mag es, wenn so ein kleiner Schnorrer ihn beim Essen stört.

Überforderung

Mit drei Kindern, mit denen man alleine unterwegs ist, kann man nicht zu 100% bei jedem Kind sein. Er nützt meine Schwächen in der Kontrolle immer wieder aus und schleicht sich schnell und effektiv an potentielle Nahrungsquellen an. Ob er erfolgreich schnorrt, oder nicht, hängt oft davon ab, ob ich dazwischen gehe. Lasse ich ihn gewähren, dann hat er meist gute Karten. Nicht nur, dass er sich sehr auffällig positioniert, wenn er als Schnorrer auftritt, sondern sein Erscheinungsbild unterstützt seine Ambitionen durchaus. Klein, blond und blauäugig kann er noch immer auf sein Kindchenschema vertrauen. Offen für Fremde und interessiert erobert er rasch die Herzen potentieller Nahrungsspender.

Schnorren fürs Leben

Ob die Eigenschaft von mir unterbunden werden sollte, oder ob ich es einfach laufen lassen soll, habe ich für mich nicht beantwortet. Ich selber sage auch nicht gerne Nein, wenn mir etwas angeboten wird. Eine Eigenschaft, die mir schon viele positive Erfahrungen eingebracht hat. Mein Mann ist da eher zurückhaltend. Ich denke, dass ihm dabei viel entgeht. Alle meine Kinder gehen direkt und sehr offen auf Fremde zu. Sie sprechen sie aktiv an und haben keine Berührungsängste. Wir finden das wirklich wunderbar. Sie sehen jeden Menschen, egal wie er vielleicht aussieht, als Menschen und potentiellen Gesprächspartner. In einer Welt, die von Vorurteilen und Distanz geprägt scheint, ist das sehr erfrischend und regt zum Nachdenken an, wenn drei Kinder Grenzen überschreiten. Allerding sind Ansprechen und mit blauäugigem Hundeblick und einsetzendem Speichelfluss auf das mitgebrachte Essen zu schielen zwei Paar Schuhe.

Schwierige Entscheidung

Ja, es ist mir unangenehm, wenn mein Kleiner bei anderen schnorrt. Ich schleppe immer einen Rucksack, der zumindest zum Teil mit Essbarem gefüllt ist, mit mir herum. Er hat es eigentlich nicht nötig. Allerdings kommt er als Schnorrer auch immer wieder zu kleinen Leckereien, die es bei uns nicht gibt. Sollte einmal ein kleiner Schnorrer bei mir auftauchen, dann würde ich ihm auch etwas abgeben. Grundsätzlich habe ich kein großes Problem damit wenn die Kinder am Spielplatz die Runde machen und überall eine Kleinigkeit zu essen bekommen. Unterm Strich würde es sich ausgleichen und jeder verteilt sein Essen nicht nur an seine eigenen, sondern an alle Kinder. Eine kulinarische Erfahrung für die Kleinen und eine Chance auch mal etwas neues zu erleben. Ich denke, ich habe kein Problem mit dem Schnorren meines Sohnes. Alle meine Kinder sind kleinen Snacks zugeneigt, auch wenn die Mädchen sich nicht so offensiv dafür einsetzen, wie ihr Bruder. Ich hoffe nur, dass er sich das mit dem Alter auch abgewöhnt.

 

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