Ich erlebe in den letzten Jahren eine leichte Veränderung. Irgendwie werde ich etwas ruhiger. Wo ich früher noch den ganzen Vormittag mit Putzlappen, Staubsauger, Wäschekorb, Fensterputzmittel und etlichen anderen Putzutensilien durch die Wohnung gehuscht bin, verbringe ich heute gerne mal eine, oder auch zwei Stunden am Vormittag auf der Couch. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter werde. Es kann aber auch daran liegen, dass meine Kinder älter geworden sind. Auf jeden Fall fällt es mir immer mehr auf, wie aktiv meine Kleinen den ganzen Tag sind. Bei meinem Sohn fällt es am meisten auf, weil er das, was er so tut, meist recht lautstark macht. Aber auch die Mädchen stehen ihm in nichts nach. Aus meiner Sicht leisten die Drei Tag für Tag Übermenschliches. Kind zu sein ist wohl so etwas, wie Leistungssport und für mich auf jeden Fall zu anstrengend!
Demotivierendes Verhalten
Zuerst möchte ich mal eine Lanze für mich brechen. Es macht mir wirklich Freude, unsere Wohnung in Schuss zu halten. Saubere Böden, blitzende Fenster und ein ordentliches, aufgeräumtes Gesamtbild gehören für mich zum Standard. Immer dann, wenn wir Besuch bekommen muss ich nicht aufräumen. Bei uns ist es immer herzeigbar aufgeräumt. Allerdings kämpfe ich hier zunehmend gegen Windmühlen. Kleinkinder machen weniger Unordnung, als ältere. Nicht, dass sie weniger Arbeit machen, aber wenn man einem Zwerg die Jacke abnimmt, dann kommt man als halbwegs normaler Mensch nicht auf die Idee, sie einfach in die nächste Ecke zu werfen. Genauso stellt man Schuhe an den Platz, der dafür vorgesehen ist, nachdem man sie von den winzigen Füßchen gezogen hat. Ältere Kinder sehen das anders. Die Jacke mal eben dorthin zu legen, wo die Schwerkraft den Parabelflug aus der jugendlichen Hand beendet, ist nicht ungewöhnlich. Die Schuhe bleiben schlimmstenfalls eine Schrittlänge entfernt direkt im Türbereich stehen. Dabei ist die Oberbekleidung bei weitem nicht das einzige, was eine ordnungsstörende Eigendynamik entwickelt.
Erziehung
Wahrscheinlich sehen viele Menschen das ganz einfach. Man muss die Kinder einfach nur erziehen. Sollen sie doch im Haushalt mithelfen und zumindest ihre Sachen in Ordnung bringen. Ich habe da einen weniger klaren Zugang. Ja, es wäre schon schön, wenn sie sich um ihre Dinge kümmern würden. Genauso wäre es toll, wenn sie mir Arbeit abnehmen würden. Allerdings habe ich das Privileg, dass ich nun mal hauptberuflich Hausfrau und Mutter bin. Es ist also mein Job, mich um den Haushalt zu kümmern. Mein Mann lässt seine Mails ja auch nicht von den Kindern bearbeiten. Das ist dann eben sein Job. Keiner von uns beiden Eltern würde auf die Idee kommen, sich alleine an die Hausübungen zu setzen und sie zu erledigen. Das ist aktuell der Job der Kinder. So hat also jeder von uns schon ausreichend Aufgaben. Wichtig finde ich, dass die Kinder wissen, wie es geht. Sie müssen das Prinzip der Ordnung verstehen, kapieren, welche Funktion ein Garderobenhaken hat und einen Geschirrspüler ein- und ausräumen können. Ich denke, das können sie, wenn sie es müssen. Mehr Anspruch habe ich momentan nicht. Meiner Erfahrung nach lernen Kinder in der eigenen Wohnung sehr schnell, wie man Ordnung hält. Dafür ist später noch Zeit.
Alles in Bewegung
In unserer Wohnung ist fast alles in Bewegung, wenn die Kinder daheim sind. Im Flur und im Zimmer meines Sohnes gibt es einen Basketballkorb, mit dem er sich regelmäßig beschäftigt. Dazu braucht er mitunter etwas Platz, also werden Dinge, die im Flur im Weg stehen, einfach zur Seite geräumt. Spielt die Älteste Cello, dann braucht sie viel Platz im Wohnzimmer. Der Notenständer steht vor der Couch und die Tasche des überdimensionalen Instruments liegt daneben. Genauso ist es, wenn die Kleinste wieder einmal mit ihren Stofftieren, oder Puppen spielt. Da wird das Wohnzimmer zum Lazarett, oder zur Arztpraxis. Neben den Umbauarbeiten in der Wohnung ist auch der Geräuschpegel enorm. Mein Mann hat mittlerweile aufgegeben, fernzusehen, wenn sich zwei, oder mehr Familienmitglieder im Wohnzimmer aufhalten. Wenn, dann setzt er entweder auf Untertitel, oder wählt Videos, die auch als Stummfilm funktionieren.
Spitzensport
Neben der Unordnung und dem Lärm, den die Kinder jeden Tag machen, ist ihr Bewegungspensum etwas, das mich immer wieder beeindruckt. Wahrscheinlich gibt es Spitzensportler, die sich weniger bewegen, als meine Kinder. Vielleicht sollte ich den Tag mit den Kindern mit einem Aufwärmen beginnen, um das Verletzungsrisiko zu reduzieren. Wieder hat mein Sohn die Nase vorn. Mittlerweile hat auch er manchmal Phasen, in denen er sich mal auf sein Bett legt, um sich am Handy zu beschäftigen, oder er sitzt auch mal vor dem PC, aber nach 15, oder 30 Minuten kommt sein Bewegungsdrang wieder durch. Eine Weile hat er jeden Tag Klimmzüge und Liegestütze gemacht. Momentan ist es Basketball. Fast jede freie Minute füllt er mit Bewegung. Er geht laufen, fährt Skateboard, Roller und Fahrrad. Passt das Wetter, geht er in den Park und spielt mit Freunden. Jetzt im Winter besucht er mit seinen Freunden gerne eine Indoor-Sportanlage, die die Stadt betreibt. Dort zahlt er ein paar Euro Eintritt und kann verschiedene Ballsportarten betreiben. Auch wenn er der Sportlichste in der Familie ist, bleiben die beiden Schwestern nicht weit dahinter. Obwohl die Kleinste nicht unbedingt eine Sportskanone ist, ist auch sie oft in Bewegung.
Aktivitäten
Sich von A nach B zu bewegen, ist für Kinder absolut kein Problem. Öffentliche Verkehrsmittel sind meist die zweite Wahl. Zumindest auf kurzen Strecken sind sie zu Fuß schneller. Problemlos sprinten sie auch mal eine Strecke, wenn sie es eilig haben. Auch in der Wohnung legen sie ordentliche Distanzen zurück. Ich bin es gewohnt, mir meine Wege einzuteilen. Wenn ich von vorne nach hinten durch die Wohnung laufe, dann nehme ich in jede Richtung etwas mit. Da trage ich ein getragenes Kleidungsstück mit ins Badezimmer, wenn ich dort den Staubsauger hole. Bringe ich ihn dann zurück, nehme ich eine leere Trinkflasche mit in die Küche, um sie aufzufüllen. Den Kindern ist so etwas fremd. Egal wo sie sind und was sie brauchen, sie starten los und holen es. Das hat zwei Effekte. Einerseits legen sie eine der beiden Strecken leer zurück. Gleichzeitig sammeln sich dann Gegenstände auf einer Seite. Hat man Durst, läuft man in die Küche und schnappt sich eine der Wasserflaschen aus dem Kühlschrank. Zurück im Kinderzimmer genießt man das kühle Nass, bis der kleine Hunger kommt. Also startet man wieder los und holt sich einen Snack. Muss man lernen, holt man sich Schulbücher. Zieht man sich um, holt man das neue Outfit, oder den Pyjama.
Logistisches Problem
Damit liegen im Kinderzimmer dann Kleidung, ein leerer Teller, oder eine leere Chips-Packung, eine leere Trinkflasche und ein paar Schulbücher herum. Eigentlich ein Problem, das man leicht lösen könnte, wozu den Kindern aber die Motivation fehlt. Dummerweise lässt die Motivation, das auszugleichen, auch bei mir langsam nach. Ich nutze für das Aufräumen dann die Vormittage, an denen die Kinder in der Schule sind. Allerdings bin ich doch beeindruckt von der Energie, die die Jugend für die unterschiedlichen Aktivitäten, einschließlich des Transportes etlicher Dinge in ihre Zimmer aufbringen können. Unermüdlich bleiben sie in Bewegung, um die Dinge zu erledigen, die ihnen wichtig sind. Problemlos sind sie stundenlang draußen unterwegs, legen große Distanzen zu Fuß zurück, oder treiben Sport. Spät Nachts können sie noch Höchstleistungen erbringen. Gleichzeitig fehlt ihnen für recht einfache Dinge die Energie. Oft sogar auf Knopfdruck.
Spontane Entladung
Es kann durchaus vorkommen, dass die Kinder ihre übliche Aktivität an den Tag legen und lautstark durch die Wohnung stürmen, aber von einer Sekunde auf die Andere plötzlich todmüde und extrem erholungsbedürftig werden. Was unwahrscheinlich klingt, lässt sich problemlos und jederzeit reproduzieren. Man muss nur das Wort „Hausaufgaben“ erwähnen und schon verlässt die gesunden jungen Leistungssportler jede Kraft und Motivation. Sie sacken zusammen und setzen einen leidenden Gesichtsausdruck auf. Jetzt gerade passt es überhaupt nicht in die Lebensplanung. Wo doch gerade die eine Stunde ist, in der man sich vorgenommen hat, endlich mal die Beine hochzulegen. Mit dieser einfachen Erinnerung bringt man sie meist dazu, etwas leiser zu werden. Oft reicht es aus, um sie komplett verschwinden zu lassen. Die Belagerung des Wohnzimmers wird dann schnell beendet und erstaunlicherweise hört man die nächsten Stunden nichts mehr von ihnen. Plötzlich ist der Bewegungsdrang ausgelebt und es ist Zeit, sich auszuruhen.
Staffelübergabe
In dem Moment startet meine Trainingseinheit. So wie die Kleinen sich stundenlang durch die Wohnung, oder die Nachbarschaft bewegen, so bin ich gefordert, wenn es darum geht, meine Kinder an ihre Pflichten zu erinnern. Schulische Pflichten sind unangenehm und es ist so einfach, sie mal eben auf morgen zu verschieben. In solchen Situationen laufe ich dann zu Höchstform auf und meine Trainingseinheit startet. So wie sie mir oft keine Ruhe lassen, verbeiße ich mich dann in die anstehende Pflicht. Sei es eine einfache Hausaufgabe, oder die Vorbereitung auf einen Test, oder eine Schularbeit. Hier bin ich gefordert. Auch wenn wir einen – dank meines Mannes – gut gepflegten Familienkalender haben, in dem sich alle wichtigen schulischen Termine finden, liegt es dann doch an mir, die Termine im Blick zu haben. Obwohl das Handy mehrmals im Abstand mehrerer Tage an die anstehenden Termine erinnert, sind meine Kinder immer wieder überrascht, dass eine Schularbeit ansteht.
Energiehaushalt
Tatsächlich scheinen sich in meinem Leben die Energiefresser verändert zu haben. Früher habe ich viel Zeit damit verbracht, Ordnung zu halten und sauberzumachen. Die Kleinkinder haben Zeit und Energie gekostet. Sie mussten gefüttert, gewickelt, gebadet und zu Bett gebracht werden. Waren sie krank, dann mussten sie gepflegt werden. Heute sind sie schon selbstständig und kommen gut ohne mich durchs Leben. Meine Aufgabe ist heute nicht mehr praktisch. Mein neuer Job ist es, ihr schlechtes Gewissen zu sein. Statt ihnen die Schuhe zuzubinden, muss ich sie morgens, wenn sie das Haus verlassen, an anstehende Termine erinnern. Sind sie nachmittags daheim, muss ich ihnen immer wieder helfen, sich selbst zu organisieren. Aus Solidarität verbringe ich Stunden am Küchentisch und unterstütze bei Hausübungen. Auch wenn ich meist nur daneben sitzen muss, sind es doch meine Fragen und das Sortieren der Bücher und Hefte, die ihnen helfen, sich selbst zu organisieren. Die Kindheit ist ein Hochleistungssport. Die Kinder müssen alles, was sie später im Leben brauchen, lernen und bleiben mehr als ein Jahrzehnt ständig in Bewegung. Auch die Eltern leisten übermenschliches in der Zeit. Die Aufgaben ändern sich, aber es bleibt fordernd.

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