Die Latenzphase² - mein Schulkind auf kinderalltag.de

Die Latenzphase² – Mein Schulkind

Vor etwa einem Jahr war ich noch ziemlich entspannt, als ich über die Latenzphase geschrieben habe. Etwas emotionaler und irgendwie schon recht erwachsen ist mir meine Kleine damals vorgekommen. Im direkten Vergleich mit ihren jüngeren Geschwistern ist sie das auch nach wie vor, was ich vor einem Jahr aber noch nicht ahnen konnte, ist die Entwicklung direkt nach dem Schuleintritt. Meine Älteste ist jetzt ein Schulkind und das ist offensichtlich gar nicht so leicht.

Führungsarbeit

Mein Mann und ich haben erst letztens darüber diskutiert, dass es für die Älteste wohl am Schwersten ist, aus der Kita in die Schule zu wechseln. Die beiden kleineren Geschwister bleiben unverändert in der Kita und in ihrer gewohnten Umgebung, während sie ganz alleine zur Schule muss. Die ersten Tage war es noch wie ein Spiel, aber nach einer Woche wurden wir angehalten die Kinder nicht mehr bis zur Klasse zu begleiten, sondern uns vor der Schule zu verabschieden. Wir haben unser Ritual und winken an zwei Fenstern zum Stiegenhaus, wenn sie in den ersten Stock zu ihrer Klasse geht, aber so richtig glücklich sieht sie dabei nicht aus. Kommt ihr Bruder dann als nächster zur Schule, dann sind das ganz andere Voraussetzungen.

Aufregung für Alle

Man kann nicht leugnen, dass es auch für uns Eltern etwas Neues, Unbekanntes war, als wir die Kleine zur Schule gebracht haben. Wie tickt die Lehrerin, wie kommt unsere Kleine bei ihr an. Ein Freund meines Mannes, ein Lehrer hat ihm einmal erklärt, dass Lehrer die Kinder an der Fensterseite und weit vorne bevorzugen. Natürlich haben wir sie am ersten Schultag in der ersten Reihe direkt neben dem Fenster platziert und auch sonst haben wir wohl einige für sie ziemlich unverständliche Dinge getan.

Auch wenn wir nach außen ruhig sind, spüren unsere Kinder ganz deutlich, wenn etwas im Busch ist. Sind die Eltern nervös, dann überträgt sich das auch auf das Kind. Zwar haben wir beide schon unsere Kinder am Schulanfang begleitet, mein Mann sogar dreimal, aber das ist Jahre her und wir waren etwas angespannt. Sind wir in der richtigen Klasse, haben wir alles in die Schultasche gepackt und die richtigen Dinge gekauft? Beim nächsten Mal haben wir dann zwei Kinder. Wir werden uns trennen, werden wissen, was passiert, wie der Hausbrauch der Schule ist und wie alles funktioniert. Viel leichter, für die nächsten Kinder.

Latenzphase

Als Schulkind muss meine Kleine jetzt Verantwortung tragen. Sie bekommt Aufgaben für daheim und muss alles was sie benötigt mit heim bringen. Daheim angekommen braucht sie die Disziplin, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Passt etwas nicht, dann muss sie das ganz alleine ausbaden. Mama und Papa sind weit weg, wenn die Lehrerin etwas von ihr fordert. Hat sie etwas vergessen, oder etwas falsch gemacht, dann muss sie diese Situation alleine meistern. Überhaupt lastet jetzt viel mehr Verantwortung auf ihren kleinen Schultern. Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Aufmerksamkeit und noch ein paar mehr -keiten, die sie bisher kaum belastet haben, gehören jetzt zu ihrem Alltag. Natürlich verändert sie sich um sich der neuen Situation anzupassen.

Veränderung

Habe ich vor einem Jahr schon Veränderungen bemerkt, so sind sie jetzt umso deutlicher zu spüren. Vor einem Jahr war meine Kleine emotional, heute heult sie aus tiefstem Herzen wegen jeder Kleinigkeit. Sie ist klug und kombiniert viel, was sie gelernt hat in ihrem Alltag. Ihre Zeichnungen sind wunderschön und die Motive sind sehr deutlich zu erkennen. Sie nimmt sich dafür Zeit und bleibt ausdauernd dabei, bis das Bild ihren Anforderungen entspicht. Auf unserer Magnettafel schreibt sie einfache Rechnungen und wendet ihr neu erworbenes Wissen bei jeder Gelegenheit an. Als Schulkind verändert sie sich stark.

Erwachsen werden – Schulkind sein

Beobachte ich sie, dann wird mir sehr deutlich bewußt, was der Schuleintritt für ein Kind bedeutet. Das unbeschwerte Spiel der Kindheit rückt in den Hintergrund. Sie hat die Schwelle am Ende der Kindheit schon mit einem Bein überschritten und wird jetzt zuerst langsam, dann immer schneller, erwachsen. Die gleichen Zwänge und Regeln, die für uns Erwachsene gelten, gelten jetzt für sie. Ihr Alltag ist, zumindest Vormittags, durch die Schulglocke in kleine Abschnitte eingeteilt. Sie hat jetzt Termine und Anwesenheitspflicht. Als Schulkind ist nicht mehr nur Kind, sondern auch Schülerin. Ein weiterer großer Schritt auf dem Weg ins Leben.

Ventil

Die kleine Welt in der sie gelebt hat ist zerstört worden und wird jetzt völlig neu wieder aufgebaut. Fast nichts ist mehr, wie es vorher war. Neue Bezugspersonen, neuer Druck, ein neuer Tagesablauf und das alles ohne Mutter, oder Vater an der Hand, sondern völlig allein. Dass eine solche Veränderung sie Kraft kostet ist mehr als logisch. Umso mehr Verständnis brauchen wir jetzt für sie. Sie sucht Nähe und Liebe und ist oft mit ihren Gefühlen überfordert. Ständig vergleicht sie sich mit ihren Geschwistern und wirft uns vor, sie unfair zu behandeln. Sie ist frech und vorlaut und stellt sich Konfrontationen mit Vater und Mutter. Ist sie beleidigt, dann zieht sie sich zurück. Ihr Spiel hat sich komplett verändert. Sie baut jetzt große zusammenhängende Szenen auf und spielt viel ausdauernder und sie schmollt und weint bei jeder Gelegenheit. Eine kleine Pubertät.

Da sein

Ich glaube, dass man in dieser Phase ganz wunderbar den Grundstein für ein gestörtes Verhältnis zwischen Eltern und Kind legen kann. Meine Kleine ist mit der neuen Situation überfordert und es ist ein leichtes die Schuld für Vieles bei den Eltern zu suchen. Ihr Benehmen gibt oft Grund dafür, sie zurechtzuweisen. Mein Mann und ich reden oft und lang über die Situation und überlegen, wie wir uns richtig verhalten sollten. Wir bemühen uns, für sie dazusein und ihr sehr oft zu sagen, wie stolz wir auf sie sind.

Die Zeit, die ich Nachmittags mit ihr habe, bevor die Kleinen aus der Kita kommen, versuche ich zur Quality-Time zu machen. Ich mache nur die nötigste Hausarbeit, bin für sie da, wenn wie Hausaufgaben macht und verbringe bewußt Zeit mit ihr. Als Schulkind hat meine Kleine wirklich nicht leicht und auch wenn sie es uns nicht immer leicht macht möchte ich für sie da sein und es ihr so leicht wie möglich machen.

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