Ding Dong des Schreckens auf kinderalltag.de

Ding Dong des Schreckens

Ich stehe dazu – Ich mag den Sommer nicht! Es macht mir keinen Spaß, wenn es draußen heiß ist. Ich will nicht ins Schwimmbad gehen, ich habe wenig Freude an jeder Art von Aktivität und mit ist einfach zu warm. Der Rest meiner Familie tickt da anders. Sie bewegen sich großzügig im Freien, auch wenn es 30, oder mehr Grad im Schatten hat. Sie mähen Rasen in unserem Ferienhaus und nutzen freie Tage, um schwimmen zu gehen. Ich sitze bei solchem Wetter lieber in der abgedunkelten Bude und warte auf bessere Zeiten. Bessere Zeiten, die jetzt endlich in Sicht sind. Zwar gibt es auch Nachts noch keinen Frost, aber das kommt noch. Die Zeit, in der ich es genieße unter die Bettdecke zu schlüpfen und in der ich nur kurz lüften kann, ohne dass die Wohnung zu sehr abkühlt. Dass der Rest der Familie Spaß daran hat, sich im Sommer außerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen, ist mit ganz recht. So kann ich Zeit für mich genießen und einmal die Seele baumeln lassen. Wäre da nicht die Türglocke.

Raus in die Natur

Wir wohnen in einem hübschen ruhigen Neubau, zusammen mit ein paar Hundert anderen Mitbewohnern. Etliche davon haben auch Kinder und durch das unterschiedliche Alter meiner Drei, haben sie zusammen einen gewaltigen Bekanntenkreis. Das etwa gleichaltrige Kind findet schnell Anschluss und die anderen beiden bekommen damit die Gelegenheit, das andere, ältere, oder jüngere Kind auch kennenzulernen. Damit befreunden sich alle Drei mit den anderen Kindern und gehen sie mal alleine in den Hof, haben sie die Qual der Wahl. Sie verbringen oft Stunden im Hof, wo es ein paar Spielgeräte und jede Menge andere Kinder gibt, die sie mehr, oder weniger gut kennen. Also kann ich die Zeit in der Wohnung so richtig genießen. Ich kann mich meiner Hausarbeit widmen und wenn ich alles brav erledigt habe, kommt so etwas wie Me-Time. Zeit, in der ich mich mal entspannt setze und durchatme. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das Leben leider ganz anders aus.

Türglockenkonzert

In der Praxis läuft es so ab, dass drei Kinder jeweils einen eigenen, sich asynchron wiederholenden Zyklus durchlaufen. Sie gehen in den Hof, spielen, brauchen etwas aus der Wohnung und gehen dann wieder in den Hof. In der Wohnung kann ein Toilettengang, ein Durstlöschen, Informationsaustausch, Essen, Holen eines Spielgeräts, oder einfach mal nach dem Rechten sehen notwendig sein. Im Rahmen des Informationsaustausches wird beispielsweise gepetzt, um Unterstützung gebeten, oder einfach informiert, dass man sich in nächster Zeit nicht in Sichtweite aufhalten wird. Alles für sich betrachtet ja ganz positiv, allerdings macht die Dosis das Gift. Wie erwähnt ist der Zyklus der Kinder annähernd gleich, aber asynchron. Also geht das erste Kind aus dem Haus in den Hof. Fünf Minuten später merkt dann das zweite, dass das Erste Spaß im Hof hat und geht auch. Kurz nachdem das dritte Kind dann rausgegangen ist, kommt das erste wieder und braucht etwas. Hat man das erledigt, kommt das Zweite, dann das Dritte und schließlich wieder das Erste. So läuft das erschreckend lange.

Bauch-Bein-Po

Man kann jetzt versuchen, ein durch und durch positiver Mensch zu sein und diesem Ablauf etwas Positives abzugewinnen. Ich versuche es mal. Man könnte es als Kniebeugen werten, dass ich mich jedes Mal, wenn ich mich setze, unmittelbar wieder aufstehen muss. So gesehen muss ich meinen drei Kleinen sehr dankbar sein, dass sie mich tatkräftig dabei unterstützen, Cellulitis keine Chance zu geben. Im Gegenteil – meine Oberschenkel würden selbst Arnold Schwarzenegger blass werden lassen, wenn wir Hofsaison haben. Problematisch ist allerdings, dass meine positive Weltsicht nicht sehr ausgeprägt ist. Auch meine Oberschenkelmuskulatur hat eine Belastungsobergrenze und Übertrainieren soll man tunlichst vermeiden, möchte man die Trainingseffekte optimal ausnützen. Es wäre wahrscheinlich besser, ich würde von Juni bis September direkt neben der Türe stehen, oder mir dort einen Stuhl platzieren. Dort kann ich bequem zur Gegensprechanlage greifen, oder die Eingangstüre öffnen.

Schlüssel? Ich? Nie!

Dabei haben meine Kinder mittlerweile ein Alter erreicht, in dem man es ihnen durchaus zumuten kann, eine Türe selbst zu öffnen. Wir haben auch Wohnungsschlüssel an Lanyards gehängt, dass sie die Kinder beim Spielen nicht stören. Aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen weigern sich alle Drei beharrlich, Schlüssel in den Hof mitzunehmen. Stattdessen klingeln sie. Ist ja einfacher, wenn Mama die Tür öffnet. Klingeln um hereinzukommen ist eine Sache, dass die Gegensprechanlage auf der Straße aber auch gerne dazu verwendet wird, ressourcenschonend zu kommunizieren, finde ich unangenehm. Ich gehe an solchen Tagen auch nicht davon aus, dass man mit mir sprechen will. Ich weiß, dass auf der Straße ein Kind den Klingelknopf an der Gegensprechanlage drückt, also nehme ich den Hörer garnicht erst ab. Stattdessen wird der Türöffner ohne Gegenfrage gedrückt. Es erschallt also ein Ding-Dong, das erkennen lässt, dass jemand auf der Straße gedrückt hat. Ich performe eine Kniebeuge, sprinte zur Türe und drücke eine Taste. Ich öffne die Wohnungstüre, um mir die zweite Kniebeuge zu ersparen und gehe zurück zum Sofa.

Nieder und Hoch

Mein Allerwertester befindet sich gerade auf halbem Weg in Richtung Sitzfläche, als das Kind auf der Straße meinen Fehler erkennt. Es wollte eigentlich nicht rein, sondern in Wirklichkeit eine lebenswichtige Nachricht loswerden. Was tut man in so einer Situation? Natürlich nochmal klingeln. Toll. Während mein Schwerpunkt sich gerade nach hinten verlagert, dringt das Ding-Dong wieder an mein Ohr. Mit dem richtigen Timing kann man das Federn des Sofas dazu nutzen, das Aufstehen zu unterstützen. Erwischt es mich in der Abwärtsbewegung, dann kann ich versuchen mein Gewicht mit einem gezielten Anspannen der Oberschenkel abzufangen. Bei neunzig, oder mehr Grad gelingt das meistens noch. Ist der Körperschwerpunkt schon tiefer, dann kann ich nur noch auf die Physik vertrauen. Die kinetische Energie meines fallenden Körpers wird in Verformungsenergie des Sofas umgewandelt. Hält der Energieerhaltungssatz, was er verspricht, sollte ich mit ein wenig Unterstützung problemlos wieder hoch federn. Ich fürchte allerdings, dass Sofa-Ingenieure diesen Effekt bewusst unterdrücken und meine kinetische Energie vom Sofa geschluckt und in Wärme umgewandelt wird. Also heißt es wieder, die Oberschenkel zu trainieren.

Alternativen

Klar, dass wir auf der Suche nach brauchbaren Alternativen sind, denn auch mein Mann kommt an Wochenenden in den Genuss dieser angeleiteten Trainingseinheiten. Eine Gegensprechanlage, mit der man sieht, wer vor der Türe steht und eine Funksprechstelle wäre ideal. Eine solche Sprechanlage mit Videofunktion zu installieren ist sinnvoll, wenn man ein Einfamilienhaus, oder eine, von der Straße zugängliche Wohnungstür hat. Problematisch ist weniger, die Gegensprechanlage selbst, sondern der Öffnungsmechanismus an der Tür. Dort braucht man einen Einbau in der Zarge und Strom. Moderne Gegensprechanlagen lassen sich problemlos mit mobilen Innenstationen ausstatten und mit einer App kann man auch sein Smartphone zum Öffnen verwenden. In einem Mehrparteienhaus, wie dem, in dem wir wohnen, ist das Nachrüsten aber kompliziert. Wir haben uns das ernsthaft angesehen, aber keine Variante gefunden, die mit unserer Wohnungstüre kompatibel ist. Evtl. findet mein Mann aber noch eine Möglichkeit, die Sprechstelle neben der Eingangstüre auszutauschen, um wenigstens die Eingangstüre auf der Straße im Sitzen öffnen zu können.

Alleine am Balkon

Neben den Kniebeugen, die ich im Sommer ständig üben muss, gibt es aber noch ein zweites Problem. Vor ein paar Wochen war ein Bekannter zu Besuch und wir saßen gemeinsam auf dem Balkon. Meine Töchter waren mit einer Freundin unterwegs und mein Sohn kam kurz raus, um uns mitzuteilen, dass er zu einem befreundeten Nachbarn geht. Kurz darauf haben wir festgestellt, dass unser Sohn und ausgesperrt hatte. Beim Hineingehen hat er ganz automatisch einfach den Hebel nach unten gedreht und damit die Balkontüre von innen verriegelt. Danach ist er, natürlich ohne Schlüssel aus dem Haus gegangen. Wir konnten dann schließlich unsere Tochter erreichen, die es mit der Hilfe einer Nachbarin ins Haus geschafft hat. Am zweiten Balkon konnte sie dann über den Balkon des Nachbarn und über eine offene Balkontüre im Kinderzimmer in die Wohnung. Bei der Gelegenheit haben wir aber beschlossen, eine Lösung zum Öffnen der Eingangstüre anzuschaffen. Mein Mann hat dann ein Teil gefunden, das den Schlüssel an der Innenseite der Wohnungstüre drehen kann. Also kann man auf- und zusperren und durch ein Drehen des Schlüssels auch öffnen. Zusammen mit einer App ist das eine Variante, mit der wir in Zukunft weniger Zeit auf dem Balkon verbringen und weniger Kniebeugen machen.

Schlüsselkinder

Die einfachste und schnellste Lösung wäre es aber, unseren Kindern beizubringen ihren eigenen Schlüssel mitzunehmen, wenn sie die Wohnung verlassen. Das wäre eine einfache und nachhaltige Lösung für beide Fälle. Haben sie, während sie im Hof sind, plötzlich ein dringendes Bedürfnis, können sie völlig problemfrei ihren Beitrag dazu leisten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Egal, ob es um Nahrungs- oder Flüssigkeitszufuhr, das Gegenteil, oder ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis geht – ein Schlüssel würde hier Hilfe zur Selbsthilfe geben. Alternativ zu Systemen, mit denen ich vom Sofa aus die Türe öffnen kann, werde ich mich also auch nach Möglichkeiten umsehen, einen Schlüssel problemlos, mit hohem Tragekomfort und ohne der Gefahr ihn zu verlieren, mit sich zu führen. Sollte jemand dazu eine Lösung haben, freue ich mich sehr über Kommentare. Vielleicht haben ja auch andere Mütter ähnliche Probleme und kennen eine Lösung, die ich bisher noch nicht gefunden habe. Bis dahin werde ich weiter daran arbeiten, meine Kinder zu Schlüsselkindern zu machen und meine Sicht der Dinge zu korrigieren. Es ist ja wirklich toll, so ein kostenloses Fitness-Training. Weil ich aber nicht eines Tages mit Oberschenkeln, wie eine Eisschnellläuferin enden möchte, suchen wir weiter nach einer nachhaltigen Lösung. Mein Bewegungsapparat und meine Nerven freuen sich schon jetzt darauf!

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