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Klettern macht Stress

Einfach herrlich, den Kindern bei der Entwicklung zuzusehen. Von völlig zerknautscht und frisch aus dem Bauch bis zum jungen, oder auch älteren Erwachsenen dürfen wir unsere Kinder begleiten. Dabei prägen und erziehen wir sie zu den Menschen, die sie später einmal sein werden. Viel Verantwortung, viel Arbeit, aber auch viel Freude. Nur manchmal, wenn die Kleinen etwas Neues lernen, dann ist die Freude nicht nur last, sonder auch least! Zum Beispiel, wenn ein Kind beginnt zu klettern.

Segen der Standorttreue

Herrlich, wenn so ein kleiner, absolut unbeweglicher Wurm friedlich herumliegt. Auch wenn er unfriedlich ist liegt er trotzdem herum. Was für eine Zeit. Man konnte dem Kleinsten in aller Seelenruhe stundenlang den Rücken zudrehen und trotzdem lag es noch immer dort, wo man es abgelegt hatte. Herrlich. Da hat die Natur der Mutter wirklich eine schwere Bürde auferlegt, indem sie die Mobilität eingeführt hat. Wär das nicht herrlich, wenn man so einen dreijährigen Halbstarken ins Eck setzt und dort bleibt er sitzen, bis man ihn wieder holt? Naja, hat ja alles seine Berechtigung und auf der anderen Seite ist es mir auch wieder Recht, wenn die Kinder sich alleine von A nach B bewegen. Blöd nur, dass sie meistens einen der anderen 24 Buchstaben für ihr Ziel aussuchen und ich alleine, unter ständigem Rufen und verbalen Antreiben der Kinder, bei B ankomme.

Bodenwelle bis Panzersperre

Da gibt es ein Gerücht, das besagt, dass man Ameisen mit einem Kreidestrich aufhalten kann. Stimmt zwar nicht, ist aber ein schönes Bild. So ähnlich klappt das, wenn Wurm den Weg von Rückenlage zu Bauchlage und wieder zurück lernt. Wo vorher eine ebene Fläche ausreichend war, den Schlafsack im Fußsack für die Ewigkeit zu deponieren, da mussten plötzlich Barrieren her. Eigentlich reichten Barrierchen. Also die Krabbeldecke an den Kanten zweimal umschlagen und schon war ein unüberwindliches Hindernis geschaffen. Wieder konnte Mami sich dem Haushalt und der Geschwisterschar widmen, ohne durch Aufsichtspflicht vom Leben abgehalten zu werden.

Leider bleibt das nicht so und auch wenn ich die Decke meiner Kleinsten heute zu einer stattlichen Rolle zusammenrollen würde, sie würde mit einem Lächeln ihre kurzen Beinchen drüberschwingen und das Hindernis mit Links nehmen. Jetzt gibt es aber für jeden einfach Hindernisse, die sich nicht so ohne weiteres überwinden lassen.

Klettern, oder doch nur Bouldern

Manche Hindernisse sind derartig mächtig, dass man nicht einmal den Versuch wagt sie zu überwinden. Steht man z.B. vor der chinesischen Mauer, dann staunt man ehrfürchtig, versteht aber, dass hier der Vormarsch der Hunnen endet und reitet wieder nach Hause. Genauso ist das zumindest die ersten 12 bis 18 Monate bei einem Kind, wenn es auf ein Hindernis trifft. Zuerst ist ein kleiner Schemel, oder ein umgedrehte Spielzeugkiste ein Grund zur Umkehr aber dann passiert etwas, aus Sicht der Mutter, Schreckliches! Das Kind, in dem Fall meine Kleinste, beginnt alles zu besteigen.

Klettern ohne Seil ist nicht gut! Auf eine Couch klettern, wenn man die Technik des Beine-Voran-Aufstehens noch nicht beherrscht ist noch nicht guter! Da bekommt Mama nämlich richtig Stress. Wo man früher entspannt die Kleine mal ein paar Minuten still und friedlich im Wohnzimmer am Teppich mit ein paar Spielsachen parken konnte, da wir still und friedlich plötzlich ein Warnsignal.

Asynchrone Natur

Ich kapier das nicht. Wie konnte die Menschheit so lange damit durchkommen? Die Natur hat uns eine sehr fragwürdige Reihenfolge der Entwicklungen angezüchtet. Konkret beherrschen wir Menschen immer zuerst das Raufkletten und erlernen erst später das Runterklettern. Also gibt es eine Phase im Leben eines Kindes in der es schon erstaulich schnell die Couch erklimmen kann, aber beim Abstieg meist mit dem Kopf zuerst unterwegs ist. Klar, hat ja im bisherigen Leben noch nie einen Rückwärtsgang gebraucht! Aber wie hat sich die Natur das vorgestellt? Dass wir alle die Zeit zwischen 14 und 16 Monaten auf der Couch verbringen? Oder früher eben mal auf dem Felsen, oder auf einem Baum? Nein, für das Dilemma hat die Natur die Mutter erfunden. Macht ja auch nichts, wenn die Lebenserwartung durch ein Stakkato an Schock-, Schreck- und Angstmomenten, dem man als Mutter ein paar Monate lang permanent ausgesetz ist, dramatisch sinkt. Wahrscheinlich dachte sich die Natur bei der Konzeption, dass man als Mutter ohnehin schon sein Soll erfüllt hat. Also hechtet man ein paar Monate durchs Wohnzimmer und andere Räume um den Absturz des Nachwuchses zu verhindern, wo das möglich ist.

Die Herausforderung wächst

Irgendwann pendelt sich das dann ein. Ich will mal ehrlich sein. Unsere Couch ist nicht hoch und davor liegt ein dicker Teppich. Wenigstens das hat Mutter Natur für uns gemacht: Ein Kleinkind ist quasi unkaputtbar. Und die paarmal, die ich zu kurz, oder zu spät gehechtet bin haben meiner Kleinsten gar nicht geschadet. Mittlerweile kann sie auch souverän von der Couch, oder aus dem Bett rutschen. Das Prinzip, zuerst mit den Beinen aufzusetzen, hat sie verinnerlicht und setzt es jeden Tag um. Das Klettern klappt gut und bis vor kurzen konnte man davon ausgehen, dass sie da, wo sie raufkam auch wieder runter kam. Klettern von Hindernissen war also kein Problem. Zeit wieder mal aufzuatmen. Allerdings hab ich mich da scheinbar in falscher Sicherheit gewiegt.

Falscher Alarm

Da denkt man, man hat das Gröbste hinter sich. Die Kleine hat gelernt Stühle zu besteigen, klettert sicher auf und ab und kann sich über Wochen völlig allein aus jeder Situation, in die sie sich selbst gebracht hat, befreien. Aber dann passiert es. Sicher auf dem Stuhl angekommen, hat sie jetzt eine neue Dimension des Klettern entdeckt. Level 2.

Der Stuhl dient meiner Kleinsten neuerdings nur als Basislager. Kaum hat sie sich kurz akklimatisiert setzt sie den Aufstieg fort. Die potentielle Fallhöhe verdoppelt sich damit und unter unserem Tisch liegt auch kein Teppich. Also klettert der kleine Floh behende auf den Stuhl und von dort auf den Tisch und ich fühle mich wieder ein paar Monate zurückversetzt. Die Technik mit den Beinchen klappt leider nur, wenn man keine Hindernisse besteigt, die mehr als Brusthoch sind. Da kann man sich noch locker von der Kante rutschen lassen, bis man festen Boden unter den Füßen hat. Vom Tisch sollte man sich nicht rutschen lassen, wenn man weniger als einen Meter hoch ist. Da heißt es zielen um den Stuhl wieder zu treffen und auch beim Abstieg einen kurzen Zwischenstopp einlegen.

Tja, das mit den Tischen konnte die Natur natürlich nicht voraussehen. Also bin ich ihr in dem Fall gar nicht mehr böse und hechte jetzt eben in Richtung Tisch, oder Küche, statt Richtung Couch, wenn meine Kleine klettert.

 

 

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