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Alt werden in Würde

Es kann so schnell gehen. Meine Schwiegermutter ist vor wenigen Monaten in ihrem Haus gestürzt und hat sich den Oberschenkel gebrochen. Eine aktive, mehr als rüstige Frau Anfang 80, die von einem Moment auf den anderen an ein Krankenhausbett gefesselt war. Der Knochen wurde fixiert, aber an ein Aufstehen war nicht zu denken. Zumindest nicht für die ersten Monate. Mein Mann hat 4 Geschwister, aber schon die Zeit im Spital hat den Kindern viel abverlangt. Man muss organisieren, reden, Unterlagen bringen, telefonieren und nicht zuletzt die Wünsche der Patientin respektieren und beherzigen. Mittlerweile ist sie wieder auf den Beinen und auch schon wieder alleine unterwegs. Im ersten Moment hat es aber so ausgesehen, als würde sie dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sein. Ein Thema, auf das man sich als Familie nur schwer vorbereiten kann. Allerdings wird es uns alle früher, oder später treffen. Auch wenn es meiner Schwiegermutter zum Glück wieder hervorragend geht und ich auch kaum involviert war, bleibt bei mir etwas hängen. Wie kann man mit Würde alt werden?

Alt aber fit

Was man wirklich jedem wünschen kann, ist ein hohes Alter, das man mit wenigen körperlichen Einschränkungen erreicht. Im Idealfall erreiche ich meine statistischen 83,6 Jahre bei bester Gesundheit, lege mich Abends ins Bett und wache am nächsten Morgen einfach nicht mehr auf. Der Tod ist ein Teil des Lebens und es ist wohl eine Alterserscheinung, dass man sich immer mehr mit der Idee arrangiert, einmal nicht mehr da zu sein. Ich zumindest lebe mit dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit sehr gut und zufrieden. Das ideale Lebensende, an dem man friedlich einschläft und zufrieden auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann, ist leider selten. Sieht man sich die Statistik der Todesursachen Deutschlands an, dann wird man vergeblich nach Altersschwäche suchen. Da liest man so schöne Dinge, die Chronische ischämische Herzkrankheit, akuter Myokardinfarkt und Herzinsuffizienz auf den ersten Plätzen. Auf Platz 4 findet man die bösartige Neubildung der Bronchien und der Lunge, was Google mit Lungenkrebs übersetzt. Auf dem 5. Rang der häufigsten Todesursachen kommt dann schließlich die nicht näher bezeichnete Demenz. Gefolgt von zwei Lungen- und einer Herzerkrankung und dann Brustkrebs.

Herz, Lunge oder Gedächtnis?

Es scheint also recht wahrscheinlich, dass das Herz, oder die Lunge den Tod verursacht. Schön, wenn man von der nicht näher bezeichneten Demenz heimgesucht wird. Dann bekommt man den eigenen Verfall vielleicht nicht gesamthaft mit. Dass man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Alter große Einschränkungen und ständige Schmerzen in Kauf nehmen muss, ist wohl eine Tatsache, an die man sich gewöhnen sollte. Was bleibt, um das Schlimmste zu verhindern, sind Vorsorgeuntersuchungen und ein möglichst gesunder Lebensstil. Man selbst kann also damit rechnen, später einmal nicht ohne Unterstützung über die Runden zu kommen. Was ich am aktuellen Fall meiner Schwiegermutter aber gesehen habe, sind zwei Dinge, die mich zum Nachdenken bringen. Das eine ist die Last, die plötzlich mit voller Wucht auf der Familie landet. Auch wenn es in diesem Fall mehrere Kinder sind, die sich um ihre Mutter kümmern, darf man nicht vergessen, dass alle mit beiden Beinen im Leben stehen. Mein Mann verbringt seine Freizeit mit unseren Kindern. Er arbeitet, kauft ein und nebenbei haben wir noch unser Wochenendhaus in Ungarn, wo immer etwas zu tun ist. Zeitreserven für die Pflege der Mutter hat er nicht eingeplant. Die musste er bei anderen Aktivitäten einsparen. Genauso seine Geschwister.

Pflegefall auf Zeit

In diesem Fall ist alles gut ausgegangen, aber ein paar Monate war Unterstützung für meine Schwiegermutter notwendig. Zuerst musste man sie regelmäßig im Spital besuchen und den Kontakt zum Pflegepersonal halten. Dann dafür sorgen, dass es einen passenden Platz in der Reha gibt. Dafür sind Unterlagen und Ansuchen notwendig und man braucht viel Zeit, um mit den zuständigen Ansprechpartnern immer wieder zu sprechen. Schließlich muss man daheim alles vorbereiten. Stolperfallen wurden entschärft, die Waschmaschine aus dem Keller ins Erdgeschoss übersiedelt und ein Anschluss dafür gemacht. Außerdem musste ein neuer elektrischer Fernsehsessel angeschafft werden, der beim Aufstehen unterstützt. Unterschiedliche Dinge, wie ein Stuhl für die Dusche, ein Rollator und Krücken mussten abgeholt werden. In der ersten Zeit musste auch regelmäßig nach dem Rechten gesehen werden. In erster Linie eine hohe Belastung für die Familie. Wäre es so geblieben, dann wären wir wohl nicht um eine 24 Stunden Pflege, oder wenigstens eine Heimhilfe, die mehrere Stunden pro Tag im Haus bleibt, umhingekommen.

Vorbereitung

Vorbereitung ist in diesem Fall wohl ein wichtiger Faktor. Allerdings ist es wohl nicht möglich, sich auf jede Eventualität wirklich vorzubereiten. Bisher habe ich immer wieder über das Thema Altwerden nachgedacht und mir dabei in erster Linie Sorgen darüber gemacht, dass meine Kinder mich pflegen müssen. Was ich jetzt gelernt habe ist, dass sich das kaum vermeiden lässt. Schon der Besuch im Spital, oder einer Pflegeeinrichtung ist anstrengend. Man muss sich die Zeit einplanen, nach dem Arbeitstag durch den Berufsverkehr reisen und wird vor Ort mit einem hilfsbedürftigen Menschen konfrontiert. Voller Respekt und Anerkennung bewundere ich das, was Menschen in Pflegeberufen leisten. Man muss oft hart im Nehmen sein, sich viel anhören und trotzdem alles tun, es den Patienten so angenehm wie möglich zu machen. Dazu ist nicht jeder geboren und ich möchte auch von meinen Kindern nicht verlangen, dass sie mich pflegen. Auch wenn es gerecht wäre, wo doch ich mich jahrelang um alle ihre Bedürfnisse gekümmert habe, aber ich will ihnen einfach nicht mehr zur Last fallen, als unvermeidbar ist.

Unvermeidbar

Tatsächlich lässt sich Stress bei Angehörigen einfach nicht vermeiden. Auch meine Schwiegermutter hat es nie gefordert, aber ihre Kinder haben sich organisiert und sich regelmäßig abgestimmt. So hatte sie fast jeden Tag Besuch von ihren Kindern und Enkelkindern. Hat sie erwähnt, dass sie etwas Bestimmtes braucht, wurde das an den nächsten Besucher weitergegeben und sie hatte es innerhalb weniger Tage. Auch später daheim haben sich alle abgewechselt und wir haben sie immer wieder besucht. Mein Mann hat mittlerweile den Fahrtendienst übernommen und ist erster Ansprechpartner, wenn es um Arztbesuche geht. Seine Schwester organisiert die Medikamente und eine andere Schwester kümmert sich um den Einkauf. Auch wenn es eine Belastung ist, so ist es eine Verpflichtung, die sie gerne erfüllen. Auch wenn sie bereit wäre, mit dem Taxi, oder dem Bus zu fahren, verschiebt mein Mann seine Termine so, dass er seine Mutter zu Arztterminen begleiten kann. Das macht er gerne und lässt es sich auch nicht nehmen.

Familie

Alle arbeiten problemlos zusammen, koordinieren gemeinsam Termine und tauschen Informationen aus. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihre Bindung stärker geworden ist. Das gemeinsame Projekt Mutter, an dem die Geschwister jetzt arbeiten, schafft Berührungspunkte und die Notwendigkeit sich miteinander auszutauschen. Das führt auch abseits der Pflege und Unterstützung meiner Schwiegermutter irgendwie dazu, dass die Kinder sich näher kommen. Dieses Phänomen zu beobachten macht mich einerseits glücklich, andererseits auch sehr nachdenklich. Die Zeit wird kommen, da werden meine Kinder ihren Lebensmittelpunkt weit weg von meinem Mann und mir haben. Auch die Distanz zwischen den drei Kindern, die sich heute jeden Tag sehen, miteinander spielen, lernen und Auseinandersetzungen, wird wachsen. Sie werden ihr eigenes Leben leben und abseits von Weihnachten und dem einen, oder anderen Geburtstag wird die Familie nicht mehr oft zusammenkommen. Ein kleiner Sturz und ein paar Wochen im Krankenhausbett könnten das ändern. Meine Kinder würden mich, oder meinen Mann wieder in ihr Leben einbauen und Zeit für uns abzweigen. Dabei würde es wohl auch gelingen, dass die Drei sich wieder näher kommen. Und hier startet die Nachdenklichkeit.

Zentrum

Es wird Familienfeiern geben, an denen meine Kinder meinen Mann und mich besuchen werden. Wir werden unsere Enkelkinder, Schwiegersöhne und die Schwiegertochter kennenlernen und ein paarmal im Jahr sehen. Die Geschwister kommen dann regelmäßig wieder heim in die Wohnung, in der sie aufgewachsen sind. Sie verbringen ein paar gemütliche Stunden mit ihrer Familie und kehren dann wieder zurück in ihr eigenes Leben. Was aber, wenn mein Mann und ich nicht mehr da sind? Wann werden sie sich wieder sehen, nachdem sie sich nach dem Begräbnis des letzten Elternteils voneinander verabschiedet haben? Werden sie sich regelmäßig an unserem Grab treffen, oder auch weiterhin gemeinsam Geburtstage und Weihnachten feiern? Vielleicht werden sie sich nur noch selten über den Weg laufen, wenn es ihre Eltern nicht mehr als Zentrum der Familie gibt. Dieser Gedanken gefällt mir ganz und gar nicht und er treibt mir Tränen in die Augen. Ein wenig Zeit habe ich ja noch, bis die ersten ausziehen und ihr eigenes Leben beginnen. Bis dahin muss ich mir eine Strategie überlegen, die Entfremdung zu verhindern. Gelingt es mir, eine Tradition zu schaffen, die nicht von meinem Mann und mir, oder unserer Wohnung abhängt, dann ist das ein guter Weg. Ich muss darüber nachdenken, aber dass meine Kinder sich später einmal aus den Augen verlieren, werde ich verhindern!

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